Regie vor Ort

Regie vor Ort

Schauspielerbriefing durch die Regie

Durch die immer strenger gewordenen Geheimhaltungsvorschriften der Verleiher aus Angst vor Raubkopien und Informationslecks, ist eine umfassende Vorbereitung seitens der Synchronsprechenden im Voraus nicht mehr möglich. Wurden früher noch Mustervorführungen für das Team veranstaltet, beschränkt sich die Rollenarbeit vor Aufnahmebeginn heute zumeist nur auf ein kurzes Briefing durch die Synchronregie und einen flüchtigen Blick in das Dialogbuch (vgl. Pahlke, 2009, p. 46ff.).

Der Umfang des Briefings variiert dabei mit der Tiefe der Rolle und der individuellen Präferenz der Regie. So kann sich diese beispielsweise zwischen zwei Ansätzen entscheiden: Entweder nur jene Informationen zu teilen, über die die jeweilige Figur zu Beginn der Handlung ebenfalls verfügt und so die Sprechenden die Figurenentwicklung im Laufe der Aufnahmen selbst erleben zu lassen, oder die Handlung und die Dramaturgie offenzulegen und so den Sprechenden die Möglichkeit zu geben, sich auf die kommenden Situationen und Facetten der Figur einzustellen. Wichtige Informationen sind dabei, ähnlich einem cold reading in der Filmproduktion, vor allem bio- und soziodemografische Angaben zur Figur. Die Summe dessen prägt Stimmfindung und Schauspiel.

Während der Aufnahmen im Synchronatelier

Nicht jeder erste aufgenommene Take ist gleich auf Anhieb passend. Nach jedem Angebot seitens der Synchronschauspielenden berät sich das Aufnahmeteam – bestehend aus Regie und techischen Mitarbeitenden – kurz und gibt Anweisungen für Veränderungen. Diese laufen dann bei der Synchronregie zusammen.

So meldet der Tonmeister etwaige technische Unreinheiten wie beispielsweise übersteuernde Plosivlaute und Frikative (vgl. Meibauer, et al. 2002 in Brünjes, et al. 2012). Ein Cutter prüft, ob das Angebot Lippensynchron zu den Mundbewegungen im Original ist oder ob ein Verschieben der Tonaufnahme auf der Timeline des Projekts notwendig – beziehungsweise möglich – ist. Diese Änderungen kommuniziert der Regisseur gesammelt gegenüber dem Sprecher; Inklusive der eigenen Anmerkungen zum schauspielerischen Ausdruck. Für eine reibungslose, Zeit und Geld sparende Produktion ist es dabei vonnöten, in kurzen, prägnanten „Calls“, also Anweisungen, zu kommunizieren. Dafür haben sich in den Synchronateliers eigene Begriffe etabliert. Beispielsweise bedeutet in etwa „breiter“, dass der Sprecher sich mehr Zeit lassen soll, da sein Angebot zu kurz war und die Rolle im Original die Lippen länger bewegt, als er zum Sprechen gebraucht hat. Die gegenteilige Anweisung dazu ist das „Überhängen“, bei dem einem Sprecher aufgrund der kurzen Sprechphase im Original mehr Zeit eingeräumt wird, als die Lippenbewegung eigentlich lang ist. Damit wird vermieden, dass der Text mit einem unnatürlichen Tempo gesprochen wird, nur um ihn in die Sprechphase zu quetschen. Ein Überhängen ist insbesondere dann möglich, wenn vor oder nach dem Take im Original auf eine Overshoulder-Einstellung gewechselt wird, in der der Mund der sprechenden Figur nicht zu sehen ist, oder eine Totale, in der die nicht-Lippenbewegung schwer zu erkennen ist. Korrekturen auf sprachlicher Ebene werden zumeist mittels etablierter Begriffe aus der Lyrik angegeben. Wie in der Dichtkunst ist auch im Synchron das bewusste Setzen von Zäsuren und Pausen sowie die Ausformung von Kadenzen am Satzende elementar (vgl. Pahlke, 2009, p. 44f.).

Neben der Labialsynchronität beschreibt Thomas Herbst als weitere Qualitätsmerkmale gelungenen Synchronschauspiels die quantitative Lippensynchronität, Lautqualität und Nukleussynchronität als erforderlich (vgl. 1994, p. 70).

Dabei meint die Lautqualität die quantitative Lippensynchronität des deutschen Texts im Vergleich zu den originalen Lippenschlägen. Die Nukleusqualität beschreibt die schau-spielerische Qualität eines Takes, formal in Bezug auf Tempo und Sprachverständlichkeit, sowie zum anderen die Entsprechung des Ausdrucks in Lautstärke und Bewegung  der zu synchronisierenden Figur.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus der Bachelorthesis „Transferprozesse deutscher Filmsynchronisation – Qualitätsmerkmale im Aufgabenbereich der Synchronregie“ von Jan Theurich aus dem Jahr 2020.
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Syurichu

BAA. / Regisseur und Produzent aus NRW VAN Administrator