Teil 1/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Teil 1/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Die Ausdrücke sollen sprachlich richtig (puritas bzw. latinitas), deutlich (perspicuitas), schmuckvoll (ornatus) und dem Gegenstand und der Aufführungssituation gegenüber angemessen sein (aptum).

(Pruys, 2009, p. 142)

Zunächst sind die oberflächlichen Kriterien für eine adäquate Synchronübersetzung die Einhaltung der Sprechdauer, die Entsprechung des Inhalts und der Mundbewegungen unter Berücksichtigung der im Vergleich zur englischen Sprache komplexeren deutschen Grammatik und ihrer aufwendigeren Formen. (vgl. Pahlke, 2009, p. 34)

Puritas – Vermeidung von Synchrondeutsch

Einzelne Worte und ganze Sätze, die dem korrekten deutschen Sprachgebrauch zum Trotz häufig auf dieselbe Art und Weise im Übersetzungsprozess vom Englischen ins Deutsche fanden, haben sich indes durch die Reichweite der Filme und der Frequenz ihres Aufkommens im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert. Beispielhaft zu nennen sind Anglizismen wie „O.K.“, „Job“ oder „Chance“ und ganze, wortwörtlich übersetzte Phrasen wie „Ich habe mit Ihnen zu sprechen“ oder „Wie ist seine Adresse?“ (vgl. Pruys, 2009, p. 143)

Eine häufig auftretende grammatikalische Eigenheit ist die Vermeidung der Zeitform Perfekt in Dialogbüchern, vor allem während kurzer Takes. So beispielhaft zu beobachten in THE BIG SHOW SHOW (2020):

Cassy: „Ich hatte einen echt guten Lauf heute Morgen. Und joggte natürlich auch durch den Starbucks Drive-Through wieder mal. Und ich hatte eine gepfefferte Diskussion mit dem Manager. Lange Rede kurzer Sinn: Wir haben Hausverbot bei dem Starbucks.“ Zunächst sind Imperfekt und Perfekt bedeutungsgleich. In gesprochener Sprache wird letzterer allerdings gezielt eingesetzt, um ein Ereignis zu beschreiben, das zwar in der Vergangenheit liegt und abgeschlossen wurde, dabei jedoch Auswirkungen auf die Gegenwart hat (Logos, 2012). Im ersten Take des oben genannten Dialogbeispiels müsste es also korrekt heißen „Ich bin natürlich auch durch den Starbucks Drive-Through gejoggt wieder mal.“ Der unnatürliche Gebrauch des Imperfekts anstelle des Perfekts im fließenden Dialog hat dabei das Potenzial, aufmerksamen Zuschauern aufzufallen und die Authentizität der Synchronfassung zu stören. Gegen diese sprachgebräuchliche grammatikalische Form wird in der Synchronisation trotzdem entschieden, wenn sie durch die Satzstellung oder die Auslassung der Hilfsverben „sein“ oder „haben“, die jeweils eine oder zwei zusätzliche Lippenaufschläge bedeuten, der Synchronität dient.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus der Bachelorthesis „Transferprozesse deutscher Filmsynchronisation – Qualitätsmerkmale im Aufgabenbereich der Synchronregie“ von Jan Theurich aus dem Jahr 2020.
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Syurichu

BAA. / Regisseur und Produzent aus NRW VAN Administrator