Teil 2/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Teil 2/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Perspicuitas – Eindeutig und nachvollziehbar

Während der Übersetzung des Dialogbuchs ist stets eine gewisse sprachlich-kulturelle Wachsamkeit des Autors gefragt. Denn neben Texten, die wortwörtlich so gemeint sind, wie sie gesprochen werden, gibt es diverse Redensarten und geflügelte Worte, für die eine sinngemäße Entsprechung gefunden werden muss. Das ist auch dann der Fall, wenn zum Beispiel eine Spitze oder Beleidigung im englischsprachigen Raum als wesentlich schlimmer empfunden oder auf andere Art gebraucht wird, als hierzulande.

„Man muss genau wissen, was sich abspielt und wovon die Rede ist, inklusive aller landes- und kulturspezifischen Anspielungen, Redewendungen, historischer oder sonstiger Verweise, die spezifisch für dieses Land und diese Kultur sind.“

(E. Paulsen in Pahlke, 2009, p. 38)

Als besonderes knifflig erweist sich dabei in der Regel die Übersetzung von Humor. Dieser ist oftmals das direkte Produkt von Sprache und Kultur und bedarf gründlicher Überlegungen, um eine für ein deutsches Publikum verständliche, sinngemäße Entsprechung zu finden.

Entsprechungen von Idiomen und Wortgewalten

Nicht immer ist eine Formulierung das, was sie gemessen an den Worten, aus denen sie sich zusammensetzt, zu sein scheint. Idiome und geflügelte Worte sind in jedem Kulturraum vorhanden und unterscheiden sich trotz sinngleicher Bedeutung teils drastisch in ihrer sprachlichen Ausgestaltung. Während „better late than never“ sich noch wörtlich als „besser spät als nie“ übersetzen lässt, würde die Formulierung „mit dem Zahnfleisch“ (by the skin of your teeth) im deutschsprachigen Raum nicht verstanden werden, da sie bei uns als „um Haaresbreite“ gebräuchlich ist.

Eine ähnliche sinngemäße Übertragung ist in der neunten Folge der vierten Staffel von TWO AND A HALF MEN (2003–2015) zu sehen, in der Charlie seinen knauserigen Bruder als „cheap bastard“ bezeichnet. Dieses lässt sich wie in der deutschen Synchronisation als „Pfennigfuchser“, häufig aber auch als Geizhals übersetzen. Eine wortgetreue Übersetzung als „billiger Bastard“ wäre im deutschen Sprachraum nicht nur ungewöhnlich, sondern würde dazu noch als unverhältnismäßig derb empfunden.

Ein genaueres Beispiel für die kontextsensitive Übersetzung von Wortgewalten fand dabei in der ersten Folge der ersten Staffel der Netflix Originalserie MR. IGLEASIAS (2019) statt. Dort soll durch die Direktorin einer Highschool entschieden werden, welche ihrer drei Lehrkräfte die Klasse mit den hochbegabten Ehrenschülern übernehmen darf. Als die Wahl nicht auf die engagierte, neue Lehrerin Abby, sondern ihren gemütlichen Kollegen Gabe fällt, flucht diese entsetzt und wütend „Motherflowers!„, später in einer vergleichbaren Situation „Suck a dictionary!„. Abby reißt sich in diesen Momenten zusammen, die von ihr intendierten Flüche, „motherfucker“ und „suck a dick“, noch im laufenden Satz zu entschärfen. In der deutschen Version unter der Synchronregie von Ina Kaempfe wurde sich gegen eine wortgetreue Übersetzung und für eine Substitution entschieden. Dies hat vermutlich den Hintergrund, dass „Mutterficker“ und „Lutsch meinen Schwanz“ als direkte Übersetzungen im Deutschen eine viel drastischere Wortgewalt innehaben, als ihre eher alltagsgebräuchlichen englischen Equivalente. In der Synchronfassung flucht Abby unter Andeutung des Wortes „Scheiße“ mit „Was für eine Schöne Entscheidung!“ und „So ein Scheibenkleister!

Substitutionen homophoner Wortspiele

In der sechsten Folge der zweiten Staffel der Sitcom TWO AND A HALF MEN (2003–2015) kommt es während eines Restaurantbesuchs zu folgendem Dialog zwischen Sohn Jake und dessen Oma Evelyn, in den später Vater Alan und Onkel Charlie einsteigen:

Evelyn: „So, dear?“ / Jake: „What?“ / Evelyn: „Do you see anything you like?“ / Jake: „I don’t know what’s ‚venison‘?“ / Evelyn: „Deer.“ / Jake: „What?“ / Evelyn: „Deer.“ / Jake: „What?“ / Evelyn: „Deer; D-E-E-R.“ / Jake: „What; W-H-A-T.“ / Evelyn: „What’s wrong with him?“ / Alan: „Jake, it’s deer in the forest, like Bambi.“ / Jake: „Oh cool, let’s eat Bambi!“ / Charlie: „Coming soon to pay per view.“

Die gesamte Komik dieses Dialogs fußt auf der Homophonie des Kosenamen „dear“ mit dem englischen Namen des Rehs „deer“. Eine wortgetreue Übersetzung der Homophonie ins Deutsche mit „Liebling“ und „Reh“ wäre also an dieser Stelle unter Wahrung des Humors nicht möglich. Allerdings fand Dialogbuchautor Andreas W. Schmidt für die deutsche Synchronfassung eine geeignete Substitution, die den Witz bewahrt und sich dabei nicht einmal vom referenzierten Bambi-Universum entfernt. So gibt Evelyn ihrem Enkel den Kosenamen Hase, dieser fragt nach Wildbrät, woraufhin Alan den Vergleich zum Hasen Klopfer, dem Freund Bambis aus den Filmen, zieht:

Evelyn: „Und, mein Hase?“ / Jake: „Was?“ / Evelyn: „Gefällt dir irgendwas?“ / Jake: „Keine Ahnung was ist denn ‚Wildbrät‘?“ / Evelyn: „Hase.“ / Jake: „Was?“ / Evelyn: „Hase.“ / Jake: „Was?“ / Evelyn: „Hase; H-A-S-E.“ / Jake: „Was; W- A-S.“ / Evelyn: „Was ist denn mit ihm?“ / Alan: „Jake, das ist wie der Hase im Wald, wie Klopfer.“ / Jake: „Oh cool, essen wir Klopfer!“ / Charlie: „Demnächst bei Ihnen im Kino.“

Die Übersetzung eines Wortwitzes in der Pilotfolge der Nicckelodeon Serie VICTORIOUS (2010–2013) bricht hingegen mit dem Original. Im Rahmen seines Schauspielunterrichts fragt Lehrer Sikowitz seine Klasse nach Themenvorschlägen für eine Improvisationsübung:

Sikowitz: „And now we need a situation.“ / André: „‚Big news‘.“ / Sikowitz: „André, nobody wants to see big nudes.“ / André: „News!“ / Sikowitz: „Ah, well, that’s different big news!“

Die deutsche Fassung unter der Leitung von Ulrike Lau übersetzte den Dialog der Teen Sitcom unter Einhaltung der Homophonie – jedoch unter Verlust des Innuendos – mit „Neuigkeit“ und „Feuchtigkeit“.

Sikowitz: „Und jetzt brauchen wir eine Situation.“ / André: „‚Große Neuigkeit‘.“ / Sikowitz: „Was bitte sollen wir mit ‚großer Feuchtigkeit‘ anfangen?“ / André: „Neuigkeit!“ / Sikowitz: „Ah, also das ist was anderes große Neuigkeit!“

Austausch lokaler Referenzen

Ein Übertrag ist auch dann notwendig, wenn der dem Witz zugrundeliende Bezug zu realen Personen oder Ereignissen dem lokalen Publikum nicht bekannt ist. So zu sehen etwa in der Netflix Original-Produktion THE BIG SHOW SHOW (2020). Dort lobt Serienstar Paul Wight einen von seiner Frau produzierten Werbespot mit den Worten „You’re even better than my favorite actress, Flo from Progressive.“ Flo ist eine seit 2008 existierende Werbefigur für die Progressive Corporation und wird von Schauspielerin und Comedian Stephanie Courtney verkörpert. Ihre Auftritte als überdrehte, fröhliche Angestellte in den lustigen Spots brachten der Figur in den USA einen Kult-Status ein (Wikipedia, 2008). In Deutschland sind Unternehmen und Figur hingegen gänzlich unbekannt. Infolgedessen suchte Dialogbuchautor und Synchronregisseur Michael Wiesner für die deutsche Fassung nach einer geeigneten Substitution, die möglichst die Tonalität der Original-Referenz treffen würde. Gesucht war also der Name eines deutschen Promis mit popkultureller Bedeutung, der dem Publikum durch alberne Werbungen aufgefallen sein könnte. Die Entscheidung fiel dabei letztendlich auf den Namen von TV-Entertainer Joko Winterscheidt, der nicht nur im Duo mit seinem Kollegen Klaas Heufer-Umlauf durch zahlreiche Abendsendungen auf verschiedenen Sendern Bekanntheit erlangte, sondern auch öffentlichkeitswirksam viele Investitionen in Start-up Unternehmen vornahm, für die er auch selbst als Werbefigur agierte. So lobt Paul Wight in der deutschsprachigenen Fassung den Fernsehspot seiner Frau mit den Worten „Du bist sogar besser als mein Lieblings-Fernsehfuzzi – Joko von „Joko und Klaas“.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus der Bachelorthesis „Transferprozesse deutscher Filmsynchronisation – Qualitätsmerkmale im Aufgabenbereich der Synchronregie“ von Jan Theurich aus dem Jahr 2020.
© Alle Rechte vorbehalten. (VAN Deutschland wurde die Nutzung vom Urheber gestattet.)

Syurichu

BAA. / Regisseur und Produzent aus NRW VAN Administrator