Teil 4/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Teil 4/4: Qualitätsmerkmale in Dialogbüchern

Aptum – Erforderliche Anpassungen

Es liegt in der Natur der Sache, dass Synchronfassungen aufgrund der Differenz, die sich zwischen Lippenbewegungen und Synchrontext ergibt, nicht mit dem Original kongruent sein, sondern sich diesem höchstens asymptotisch annähern können. Umso wichtiger ist es, diesen offensichtlichen Mangel in der Synchronarbeit weitestgehend zu vertuschen, und so den Zuschauern eine größtmögliche Immersion bieten zu können.

„[…] Synchronisation ist eine anspruchsvolle, aber sehr undankbare Arbeit. Je besser sie gemacht wird, desto weniger fällt sie dem Publikum auf.“ (Pruys, 2009, p. 101) Dazu werden zum einen Sprechende besetzt, deren Stimmen mit dem Aussehen der Originalschauspielenden harmonieren (Typenbesetzung), und zum anderen die Dialoge so geschrieben, dass sie möglichst den Lippenbewegungen des Originals entsprechen. Als lippensynchron bezeichnet man die Übereinstimmung von Artikulation und Laut.

Wenn man weiß, dass der deutsche Text nicht genau auf dem Originaltext liegen muss, sondern die Originalmundbewegungen der Maßstab sind, finden sich erstaunlich viele Möglichkeiten.

(E. Paulsen in Pahlke, 2009, p. 55)

Labialsynchronität

Jeder gesprochene Laut ist das Produkt einer Kombination aus Artikulationsort und Artikulationsart. Dabei meint der Artikulationsort jene unbeweglichen Partien im Mundraum, denen sich die beweglichen Artikulationsorgane, etwa Zunge oder Lippe, deren luftstrombehindernde Position die Artikulationsart bilden, bei der Formung eines Lauts annähern. (vgl. Brünjes, et al., 2012)

https://www.mediensprache.net/de/basix/phon-/phonetik/konsonanten/index.aspx

Eine hunderprozentige Lippensynchronität ist nach wortgetreuer Definition dann erreicht, wenn jede sichtbare Artikulation mit einem hörbaren Laut übereinstimmt. Die Umsetzung dessen im Transferprozess zwischen zwei Sprachen in der Filmsynchronisation ist allerdings unmöglich. So gibt es beispielsweise im Englischen mit dem -th [ð, θ] einen dentalen Frikativ, während die deutsche Sprache hingegen keinerlei dental geformten Laute jedweder Artikulationsart aufweist.

Aus diesen Umständen hat sich in der Praxis, auch unter Berücksichtigung von Zeit- und Geldaspekten, die Labialsynchronität als Maßgabe etabliert. Dabei wird einzig zwischen Lauten unterschieden, an deren Formung die Lippen beteiligt sind (Labiale) und denen, bei denen sie es nicht sind. Daraus ergibt sich für die synchronfähige Übersetzung von Dialogbüchern das Gebot, Labiale im Original zu erkennen und die wortgetreue Rohübersetzung so umzugestalten, dass an identischer zeitlicher Position ebenfalls ein Laut mit geschlossenen Lippen liegt. Neben den Sprechphasen sollten ebenfalls im original sichtbare Pausen und Zögerer notiert werden, die in der Synchronarbeit einzuhalten sind. (vgl. Ueding & Steinbrink 1994, nach Pruys, 2009, p. 243)

Einteilen in Takes

Damit die Texte später mit möglichst wenigen Anläufen und korrekt in Sprache und Form aufgenommen werden können, werden diese für den Synchronisationsprozess in einzelne sogenannte Takes unterteilt. „Eine normale Serienfolge von 45 Minuten Länge wird dementsprechend in 300 bis 400 Takes eingeteilt, bei anspruchsvollen Spielfilmen können es bis zu 2000 sein.“ (Pruys, 2009, p. 95) Ein einzelner Take kann dabei bis zu zehn Sekunden lang sein (vgl. Pruys, 2009, p. 95), sollte aber nach den im Original gegebenen Optionen zur Unterteilung möglichst kurz definiert werden, da längere Takes erhöhtes Fehlerpotenzial bergen. So dauern in der Atelierarbeit Wiederholungen solcher Passagen länger, die Sprechenden können womöglich nicht auf Anhieb über die gesamte Dauer des Takes die Labialsynchronität einhalten und ihnen kann während des langen, zusammenhängenden Texts die Luft ausgehen. Um dabei allerdings gewisse Freiheiten einzuräumen, zum Beispiel was die erforderliche Präzision anbelangt, gilt es idealerweise auch die Kameraeinstellungen des Materials zu notieren (vgl. nach Ueding & Steinbrink 1994, in Pruys, 2009, p. 243).

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus der Bachelorthesis „Transferprozesse deutscher Filmsynchronisation – Qualitätsmerkmale im Aufgabenbereich der Synchronregie“ von Jan Theurich aus dem Jahr 2020.
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Syurichu

BAA. / Regisseur und Produzent aus NRW VAN Administrator