Für faire Castings und Angebote

Online kursieren auf allen möglichen Casting-Plattformen Angebote, die – ob mutwillig oder versehentlich – junge Sprechende benachteiligen. Daher haben wir als Orientierungshilfe für Produzierende und Sprechende diese Aufstellung angelegt, die die am häufigsten auftretenden Misstände aufzeigt. Versehen mit Beispielen und Tipps zur Verbesserung.

Anhand dieses Leitfadens können dabei explizit nicht nur Casting Calls sondern auch Workshop-Angebote auf ihre Seriosität und Fairness geprüft werden.

Form

Nr.GebotNegativbeispielUnsere Empfehlung
1Definition des Anliegens„Für ein Projekt suchen wir Leute.“ / „Ein Workshop mit Thema ‚Sprechen‘.“Sei so präzise wie möglich: Wie heißt das Projekt? Worum geht es inhaltlich? Wen oder was suchst du?
Orientiere dich am besten an den geläufigen W-Fragen um keine Information zu vergessen.
2Umfang des Projekts„Wir wissen noch nicht, wie viel Text es sein wird.“ / „Inhaltlich noch keine Ahnung was vorkommt.“Wenn der Umfang des Projekts noch nicht bekannt ist, bist du vermutlich noch nicht an einem Punkt, an dem eine Ausschreibung angebracht ist.
Die Chance besteht, dass Sprechende, die sich ohne diese Information gemeldet haben, wieder abspringen, sobald das Ausmaß des Unterfangens bekannt wird, sollte es ihren zeitlichen Rahmen sprengen. Oder schlimmer: junge Sprechende könnten gar fälschlicherweise denken, dass sie dir trotzdem verpflichtet seien, dabei zu bleiben. Daher gilt es, im Sinne der Fairness und der Rücksichtnahme, immer einen klar definierten Umfang abzustecken.
3Transparenz„Wir nutzen die Aufnahmen für alles Mögliche.“/ „Ich bin Experte und sehr erfolgreich.“Damit die Sprechenden die Möglichkeit haben, das Projekt nachzuvollziehen und gegebenenfalls gegenzurechnen, ist es unbedingt notwendig anzugeben, wie und von wem das Ergebnis in welcher Art verwertet wird. Das verlangt auch das Urheberrechtsgesetz.
Auch für Workshopangebote fordern wir Transparenz. Zum Beispiel welche überprüfbaren Fachkentnnisse hat der oder die Veranstaltende? Wozu sind die Lehrinhalte gut?
4Klare Anforderungen„Wir suchen eine Stimme, die das spricht.“ / „Der Workshop ist nur für Fortgeschrittene geeignet.“Mangelnde oder zu weit gefasste Anforderungen können sich als lästig oder gar abschreckend erweisen. Für Casting Calls ist es obligatorisch, Geschlecht und Spielalter nebst einer Kurzbeschreibung anzugeben. Ist die Vorstellung einer Rolle bereits präziser können auch Angaben zu Stimmlage, Stimmfarbe und Sprachstil gemacht werden.

Ein Workshop der als „nur für Fortgeschrittene“ markiert ist, wirkt tendenziell eher verunsichernd – denn wer beurteilt, ob jemand Fortgeschritten ist oder nicht? Stattdessen sollte auf klarere Kriterien zurückgegriffen werden wie in etwa eine abgeschlossene Schauspielausbildung, aktive Berufsjahre oder Meilensteine.
5Faire Vergütung„Deutschlandweiter TV-Werbespot […] Gage 50€.“ / „Mein Workshop geht 2 Stunden und kostet 1200,-€.“Eine Orientierungshilfe für kommerzielle Projekte bietet die Webseite http://www.sprecherpreise.de/. Diese listet die Gagenstandards von GDS und VGS. Bei Dienstleistungen wie Workshops kann der Preis nur in Relation zum Leistungsumfang anderer Anbieter individuell bewertet werden. Ein Maß ist auch hier einzuhalten.
6Exposureverbot „Bezahlen können wir nichts, aber das ist ja auch Werbung für dich.“Exposure ist in keinem Fall eine geldwerte Bezahlung für Sprecherinnen und Sprecher. Als besonders verwerflich gelten dabei kommerzielle Projekte, die Exposure als Vergütung für Sprecherinnen und Sprecher angeben. Dazu ein Beitrag von Ralph Ruthe.
7Wahrheitsgebot„Für unser fantastisches Produkt, das tollste auf dem Markt, suchen wir als beliebtestes Unternehmen der Branche[…]“ / „Ich bin der beste Sprecher Deutschlands und habe todsichere Tipps in meinem Workshop.“Casting-Aufrufe oder werbliche Texte deren Zielgruppe auch junge Sprecherinnen und Sprecher sind, sind zur Wahrheit und Transparenz verpflichtet. Falsche, glorifizierende oder vergleichende Sprache ist zu unterlassen. Es ist geboten, sich auf sachliche Schilderungen und Fakten zu berufen.

Kommunikation

Nr.GebotNegativbeispielUnsere Empfehlung
8Wertschätzung der Person und ihrer Arbeit„Du musst nur 5 Sätze einsprechen, das geht schnell, ist ja kaum Arbeit.“ / „Ich suche irgendwen der/die das am günstigsten macht.“Eine Tätigkeit als Sprecherin oder Sprecher ist Arbeit. Wie in anderen Berufen des Kunsthandwerks werden auch Sprachschauspielende immer wieder gezwungen, den Wert ihrer Arbeit zu rechtfertigen.
Wer eine Sprecherin oder einen Sprecher sucht, muss den Wert der Arbeit anerkennen und die Person und deren Leistung respektieren.
Formulierungen und Angebote, die abwertend, und geringschätzig sind oder Beliebigkeit suggerieren, sind zu unterlassen.
9Namentliche Verantwortlichkeit„Interessierte melden sich via Mail an Team@projekt.de. / Verantwortlich für das Angebot ist die Muster GmbH.“Jedes Casting und jede Dienstleistung, gerade für junge Sprecherinnen und Sprecher, ist mit einer namentlichen Verantwortlichkeit zu kennzeichnen. Firmen, Projekte oder Teams als direkte Verantwortliche sind nicht in Ordnung. Es soll eine konkrete Person genannt werden, die stellvertretend für ein etwaiges Kollektiv mit der Kommunikation gegenüber den Sprecherinnen und Sprechern – auch rechtlich – verantwortlich ist.
10Klare Kommunikationswege„Interessierte schreiben mich an.“ / „Wir melden uns.“Es gilt klare Kommunikationswege gegenüber den Sprecherinnen und Sprechern zu definieren. Das kann beispielsweise eine feste Mailadresse sein, ein Account auf einem Messenger oder sogar eine Telefonnummer. Wichtig ist dabei, dass der Kommunikationsweg nicht zulasten der Sprecherinnen und Sprecher ausfallen darf, zum Beispiel durch Anmelde-, Abo- oder Hotline-Gebühren.
11Einfachheitsgebot*2 Wochen keine Antwort per Mail* / *Nach Ablauf der Frist keine Überweisung erhalten*Der organisatorische Aufwand der Sprechenden zur Abwicklung eines Auftrags soll möglichst gering gehalten werden. Kommunikation, Zahlungsabwicklung, Abnahmeprozesse und Antworten sind seitens des Auftraggebers als treibende Kraft zu verfolgen und einzuhalten.
12Brandsafety„Wirecard sucht Werbestimme“ / „Jetzt bewerben für Harvey Weinstein Schauspielschule“Marken, Projekte oder Personen, die aufgrund ihrer Historie, vorausgegangenen Kontroversen und Skandale als nicht-markensicher gelten, sollen davon absehen, gezielt junge Sprecherinnen und Sprecher anzuwerben.
Die damit verbundenen beruflichen und sozialen Risiken für die Sprechenden sind als Einsteiger*in nicht voll umfänglich einzuschätzen und können zu erheblichem Schaden in beiden Lebensbereichen führen. Die Entscheidung, in Anbetracht etwaiger drohender Konsequenzen derlei Angebote anzunehmen, können nur unabhängige, gefestigte Persönlichkeiten der Branche eigenverantwortlich selbstbestimmt fällen.